Neuß-Grevenbroicher Zeitung · Mittwoch, 8. April 2026
Seit 60 Jahren helfen Neusser in Burundi – nun reist eine Delegation nach Afrika, um Augenambulanzen aufzubauen. Doch die von den Neusser Augustinerinnen geschlagene Brücke der Hilfe ist längst keine Einbahnstraße mehr.
Neuss/Bujumbura | Ludger Baten Burundi ist ein kleines Land – deutlich kleiner als Baden-Württemberg. Burundi ist ein armes Land – drei von vier Familien leben dort laut Welthungerhilfe unter der Armutsgrenze. Um die große Not der Menschen zu lindern, errichteten die Neusser Augustinerinnen einst im ostafrikanischen Staat zwei Missionsstationen. Sie folgten damit dem Hilferuf des Ortsbischofs. Von ihrer ersten Burundi-Reise Anfang der 1960er-Jahre kam Mutter Caritas, die damalige Generaloberin, entschieden zurück: „Wir müssen helfen!“ Sie und ihre Mitschwestern fassten den Entschluss, nach Afrika zu gehen, obwohl die Augustinerinnen kein Missionsorden waren und es bis heute auch nicht sind.
60 Jahre ist das nun her. Gihanga nahe der Metropole Bujumbura und das 200 Kilometer nördlich gelegene Gitaramuka waren und sind Orte der Hoffnung für die Bevölkerung: Krankenhäuser mit Entbindungsstation und Kinderklinik, ein Hospiz. In den beiden Gesundheitszentren werden Menschen jeden Alters medizinisch versorgt; mehrere Schulen vermitteln Bildung – die zweite Säule der partnerschaftlichen Hilfe.
Auch wenn längst afrikanische Nonnen die tätige Nächstenliebe übernommen haben, hat der Brückenschlag vom Rhein ans Ufer des Tanganjikasees Bestand. „Mehr als drei Millionen Spenden- Euro sind direkt bei den Menschen vor Ort angekommen“, sagt Stephanie Straaten (61). Die Ärztin steht seit acht Jahren als Vorsitzende an der Spitze des Burundi- Komitees, das in Neuss die Unterstützung der Projekte im Herzen Afrikas initiiert und koordiniert. Die wird seit 60 Jahren wirkungsvoll von der Katholischen Frauengemeinschaft (kfd) in und um Neuss getragen. Zum runden Geburtstag der Burundi-Hilfe fliegt Straaten erstmals nach Burundi.
Straaten leitet eine vierköpfige Delegation, der neben ihrem Patensohn Malte Harnischmacher (26) auch Schwester Beatrice (58) und der Augenarzt Raimund Balmes (68) aus Ahlen angehören, der einst als Sohn von Walther und Edeltrud Balmes in eine Neusser Augenarzt-Familie hinein geboren wurde. Balmes hat in vier Jahrzehnten mehr als 30 Einsätze in Afrika geleistet, ist Vorsitzender der Stiftung Augenlicht in Ahlen. Nun engagiert er sich erstmals in Burundi. Das Ziel: In den Gesundheitszentren sollen zwei Augenambulanzen aufgebaut werden. Spaltlampen, Tonometer, Lesetafeln, Brillen, aber auch Augentropfen und -salben zählen zur Grundausstattung und wurden bereits nach Burundi verschickt oder werden jetzt mitgenommen.
Zwei burundische Schwestern wagten im vorigen Herbst den strapaziösen Weg nach Tansania, um sich dort als „Augenschwestern“ weiterbilden zu lassen, damit sie künftig die Eye-Nurse-Stationen in den burundischen Stationen leiten können. Den Startimpuls wird Balmes geben, der am Sonntag, 12. April, mit seinem Team vom Flughafen Brüssel via Addis Abeba nach Burundi aufbricht. Die Frage, die ihn bewegt: „Wie ist die medizinische Versorgung vor Ort? Reichen Ambulanzen oder bedarf es eines operierenden Augenarztes?“
Als „Reisemarschall“ bringt sich Schwester Beatrice ein. Sie stammt aus Burundi und organisiert nicht zuletzt mit Unterstützung ihrer Familie den Aufenthalt der Neusser Delegation vor Ort. Beatrice ist Oberin des Neusser Konvents des Bene-Umukama- Ordens, den acht burundische Schwestern im Haus Monika auf dem Gelände des Klosters Immaculata bilden. Sie wurde 2011 – wie ihre Mitschwester Yolande – bei einem feigen Überfall von Rebellen so schwer verletzt, dass sie nach Deutschland ausgeflogen werden mussten, wo in Neuss ihre Wunden langsam heilten.
Stete Spannungen zwischen den Bevölkerungsgruppen der Hutus und der Tutsis erschüttern nach wie vor die politisch-gesellschaftliche Stabilität des Landes, das 1993 bis 2005 in den Schrecken eines Bürgerkrieges versank. Bis heute bleibt der Frieden fragil.
Wenn am Sonntag, 14. Juni, auf dem Immaculata-Gelände „60 Jahre Burundi-Hilfe Neuss“ gefeiert wird, dann werden sich die Gastgeber nicht im Licht der erfolgreichen Projekte aus der Vergangenheit sonnen, sondern vielmehr auf die christliche Verpflichtung verweisen, den Menschen in einem geschundenen Land wirkungsvoll zu helfen und Perspektiven zu eröffnen. Eine 60-jährige Geschichte als Verpflichtung für die Zukunft. In diesen Dienst stellt sich das Burundi-Komitee in dem neben Stephanie Straaten auch die Geistlichen Wilfried Korfmacher und Jochen Koenig sowie Elisabeth Schmitz, Brigitte Werbitzky, Margret Albiez, Christina Jacke und Beate Koenemann engagiert sind.
Spannende Zeitzeugen werden an dem Tag Schwester Celina, heute Generaloberin der Augustinerinnen, und Schwester Crescentia sein, die lange Jahre auf den Stationen in Gihanga und Gitaramuka wirkten. Sie werden auch durch die dann eröffnete Burundi- Ausstellung führen.
Zwei afrikanische Partnerorden haben 1989 die Leitung der beiden von Neusser Augustinerinnen gegründeten Stationen in Burundi übernommen. Das Verhältnis scheint vertrauensvoll, die materielle und ideelle Unterstützung aus Neuss schafft offenbar Sicherheit im Alltag und bei neuen Projekten. Im Gegenzug leben nun bereits acht burundische Schwestern auf dem Neusser Klosterareal und begleiten die rund 20 verbliebenen Augustinerinnen. Mit einer Ausnahme sind sie alle über 80 Jahre alt, viele müssen gepflegt werden. Aufgaben, die liebevoll von den Bene-Umukama-Schwestern übernommen werden. So wächst nach 60 Jahren die Erkenntnis: Die Hilfsbrücke, die einst von Neuss nach Burundi geschlagen wurde, ist keine Einbahnstraße. Längst kommt auch tatkräftige Hilfe von Burundi nach Neuss.
„Mehr als drei Millionen Spenden-Euro sind direkt bei den Menschen vor Ort angekommen“
Stephanie Straaten · Ärztin und Vorsitzende des Burundi-Komitees
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